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„Wenn ihr Landesoberkirchenrat noch kameral pensioniert werden will, dann haben sie ein Problem...“

   
 

Teilnehmerbericht vom KVI Workshop „Kirchliches Finanzmanagement - Perspektiven und Handlungsfelder“ von Stefan Bölts, Student der Evangelischen Theologie in Marburg im 9-Semester. Mitglied in "Visionen für eine Kirche von morgen": www.kirche-von-morgen.de einer Initiative des Landeskonvents der Oldenburger Theologiestudierenden.


Als der Rat der EKD Ende Juni die Novellierung des Haushaltsgesetztes verabschiedete wird Thomas Begrich, Finanzdezernent im Kirchenamt der EKD (Hannover), in der Pressemeldung vom 30.6.06 zitiert: "Damit ist der Weg für die Erstellung kirchlicher Bilanzen und der Einführung des kaufmännischen Buchungssystems (sog. Doppik) in allen evangelischen Landeskirchen bereitet". Gerademal zwei Monate später trafen sich Vertreter verschiedener Beratungsunternehmen, kirchlicher Verwaltungsgesellschaften sowie Finanzexperten und Interessierte unterschiedlicher Kirchen zu einem KVI Workshop, um sich über die Perspektiven und Handlungsfelder des Kirchlichen Finanzmanagements auszutauschen. KVI steht dabei für „Kirche, Verwaltung & Informationstechnologien“. Unter diesem Logo bietet das Beratungsunternehmen interim2000 nicht nur eintägige Fachtagungen an, sondern führt auch jährlich stattfindende KVI-Kongresse auf der „ecclesia“ oder neuerdings auch auf der österreichischen „Kirchenfachmesse GLORIA“ durch.

Die Zusammensetzung der rund 30 Teilnehmenden am 30.8.2006 im ehemaligen Dominikanerkloster zu Frankfurt am Main war auch überkonfessionell geprägt. Und so kamen die Finanzdezerneten oder Projektgruppenvertreter evangelischer Landeskirchen auch mit Strukturbeauftragten oder Finanzexperten bischöflicher Generalvikariate oder erzbischöflicher Ordinate ins Gespräch. Dazu boten nicht nur die kleinen Pausen Gelegenheiten, in welchen man vom Spenerhaus reichlich versorgt wurde, sondern insbesondere durch die überschaubare Teilnehmerzahl war ein intensiver Austausch und eine fruchtbare Podiumsdiskussion mit den verschiedenen Referenten am Ende des Fachtages ermöglicht worden. Was in der freien Wirtschaft schon Gang und Gebe ist, stellt für die Kirchen in Deutschland eine neue Innovation dar. Gemeint ist die Umstellung von kameralen Haushaltsplan zu einer doppische Buchführung. Dabei werden aber nicht einfach die alten Haushaltsstellen in kaufmännische Konten umgewandelt, sondern – und hier sind sich viele Fachvertreter einig – das Umdenken von der Kameralistik in die Doppik – von einer Inputverteilung zu einer überschaubaren Outputorientierung.

„Es wird Zeit, dass die Kirche sieht, was wieviel kostet und wer was in Leistungsrechnung stellen kann. Eine Synode soll sehen: Woher kommen die (Geld-)Mittel und wohin gehen diese!“ Über diesen „Paradigmenwechsel“ führte Prof. Dr. F. Vogelbusch, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein, mit dem ersten Referat des Tages in den aktuellen Entwicklungsstand des kirchlichen Umgangs mit dem anvertrauten Geld ein. Die neuen Finanzmanagementinstrumente sollen dazu dienen, das Kirchen und Bistümer reagieren können, bevor sich nach einer Rentabilitäts- und Liquiditätskrise im darauf folgenden Stadium der Insolvenz die eigenen Handlungsspielräume zu stark eingrenzen: „Ziel muss es sein, dass die breite kirchliche Öffentlichkeit in den Synoden auch versteht, worüber sie entscheiden. Die meisten Synodalen verstehen das System der Kameralistik nicht und können mit den zentimeterdicken Haushaltsplänen wenig anfangen.“ Die kaufmännische Buchführung verspricht mehr Transparenz und soll zudem nach „innen“ und nach „außen“ mehr Argumentationshilfen an die Hand geben, „wenn man bei Sabine Christiansen auf dem heißen Stuhl sitzt und damit konfrontiert wird, die Kirchen seien doch stink reich.“ Mehr Transparenz bedeute zudem, dass auch bewusster wahrgenommen wird, wofür die Geldmittel aufgewendet werden: „Wenn derjenige, der einen Dienstwagen mit Chauffeur aus dem eigens bereitgestellten Fuhrpark anfordert, dies auch in seinem Haushalt in Rechnung gestellt bekommt, kauft er sich von alleine die BahnCard 50.“ Solcherlei Beispiele ließen sich viele finden und so wies Vogelbusch exemplarisch auf die Vermögensproblematik im Gebäudemanagement hin, als er den im Vorfeld der EKD-Novellierung erfolgten Streit um die „Marktbewertung“ von Kirchengebäuden aufgriff (aus Protest gegen ein ökonomisch-geprägtes Denken wollen einzelne Landeskirchen den Wert ihrer Kirchen mit symbolischen 1,-€ festschreiben).  „Substanz kostet, auch wenn man es im laufenden [kameralen] Haushalt nicht sieht [...] mehr Transparenz führt auch zu mehr Entscheidungsdruck: Will man das Geld in Beton oder in [kirchliche] Arbeitsfelder investieren?“

Für mich persönlich stellte der zweite Vortrag von Ekkehard Grunwald den Höhepunkt dar. Der Stadtkämmerer berichtete gekonnt lebhaft und gewitzt, welche Erfahrungen Salzgitter als niedersächsicher Prototyp in der kommunalen Umstellung von einem kameralen System zur Doppik gewonnen hatte.
Der eigene Erfahrungsschatz „aus dem Nähkästchen“ bot ein umfangreiches Bild und verdeutlichte auch, welche kommunikativen Herausforderungen mit im Boote waren. Explizit betonte der Kämmerer dabei, welchen Stellenwert eine externe Beratung in solchen Strukturveränderungsprozessen hat. Ein externer Berater kann dabei nicht nur den betriebsblinden und selbstinvolvierten Beteiligen neue Sichtweisen aufzeigen, sondern bei der Aufstellung von Projekt- und Konfliktlösungsregeln hilfreich und zuletzt im Aufgabenspektrum von Zielvereinbarungen und Controlling dienlich sein: „...oder können sie als Projektleiter einfach zu ihrem vorgesetzten Landesbischof gehen und schuldig gebliebene Zuarbeiten einfordern?“ Für die Kontraktvereinbarungen war für den Salzgittener Finanzchef vor allem das Chance-Management von großer Bedeutung. Gemeint war vor allem die Projekt begleitende Fortbildungs- und Schulungsphase, denn Doppik ist kein „day-to-day-business“ sondern „kreativ-positive Zerstörung“ und fordert auch ein neues Denken bis hin zur Umgewöhnung, dass Entscheidungsbefugnisse in den Kommunen in Fachämtern verlagert werden. Auch die Schulungsmaßnahmen wurden von einer externen Beratungsfirma durchgeführt, weil auch im eigenen Projektteam Vorgesetztenverhältnisse aus dem „Alltagsleben“ ein kritisches und kreatives Denken in den Fortbildungstagen behindern würde, wenn man nach der Handwerkermentalität glaube, es selbst besser machen zu können. „Bei Reformen müssen alle Leute mitgenommen werden, die an unterschiedlichen Haltestellen stehen“, Strukturveränderungen fordern gruppendynamische Prozesse heraus und müssen Möglichkeiten für Reaktionen und Feedbacks enthalten. Dies fordere insbesondere ein gleichstufiges Miteinander, denn die „Kommunikation zwischen Häuptlingen und Indianern wird häufig durch Autorität, Macht und Statussymbole blockiert“. Dennoch müsse aber auch die Führung hinter dem neuen Finanzsystem stehen: „Kein Indianer zieht in den Krieg, wenn der Häuptling auf dem Wigwam sitzen bleibt. Auch bei Kirchenreformen muss der Bischof oder Finanzdezernent voranreiten, wenn sich ernsthaft was bewegen soll.
Wenn ihre Projektgruppe [eine] doppische Buchführung einführen soll, ihr Landesoberkirchenrat aber kameral pensioniert werden will, dann haben sie ein Problem ... und das ganze Projekt wird automatisch an die Wand gefahren."

Nicht nur die Zuhörerschaft war „ökumenisch und ökonomisch“, sondern so lautet auch das Motto der Stiftung Kirchliches Rechenzentrum in Südwestdeutschland (KRZ), die durch zwei Referenten vertreten war. Nach einer kurzen Grundsatzdefinition von „Prozessen“ und „Workflow“ führte uns Dipl.-Ing. Adalbert Bayer in die Welt von „Informationslogistik und Informationsmanagement“ ein. „Keine Kirche gründet ein Bauunternehmen, wenn sie ein Gemeindehaus renovieren muss. Warum kommt sie dann auf die Idee, EDV selbst betreiben zu können?“, lautete seine einleitende Frage. Selbst in der freien Wirtschaft sei „Selbstservice“ nur ein Traumwort und im Folgenden führte er uns vor Augen, welche Vorteile das Outsourcing im IT-Bereich habe.  „Der kirchliche Bereich ist für die EDV eine echte Herausforderung, in einem Bistum gibt es bis zu acht verschiedene EDV-Systeme für das Personlawesen, da kann auch Pfarrer & PC e.V. nicht mehr weiter helfen.“

Nachdem uns die diplomierte Informatikerin Uta Koser (KRZ) im Anschluss umfangreich in die Vorteile der SAP-Produkte eingeführt hatte, weil die Daten auf unterschiedlichen kirchlichen Ebenen sowohl kameral als auch doppisch eingepflegt werden können, warf Prof. Stuhr von der BSL Managementberatung GmbH im Schlussreferat auch kritische Anfragen in den Raum: „Doppik ist keine Wunderwaffe und man kann sich in einem zukunftsweisenden Umdenken auch mit der erweiterten Kameralistik behelfen.“

Auf jeden Fall dürfe man keine falschen Erwartungen wecken: „Die Umstellung des Rechnungswesens ist keine Lösung der Finanzschwierigkeiten der Kirchen. Die Daten werden durch Doppik zwar transparenter abgebildet, die Entscheidung, den Haushalt zu sanieren, muss aber die Synode treffen und kann kein Programm der Welt automatisch mitliefern.“ Die Einführung eines neuen Rechnungswesens kostet zunächst ersteinmal und man muss sich fragen, ob man in ein neues System investieren möchte, welches mittelfristig Einsparpotentiale aufzeigen kann, aber schon kurzfristig Erfolge bei den Sachbearbeitern bieten muss: „Wenn ein neues System ein Mehraufwand von Arbeit bedeutet, wird sich jeder Mensch dagegen wehren“.

Einer der vielen kleinen Erfolge könne die Darstellung von allen Vermögenswerten sein, denn das kamerale System ohne Abschreibungen habe lange Zeit ein falsches Bild kirchlicher Budgets aufgezeigt. Zudem müssen historisch gewachsene „Produkte“ und Haushaltsstellen kritisch hinterfragt und nicht mehr sinnvolle „Nebenprodukte eingedampft werden“: „Wer alle Haushaltsstellen der Kameralistik einfach als Konten in die kaufmännische Buchführung übernimmt, erreicht nur, dass der Haushaltsplan für die Synodalen dreimal so dick wird.“ Prof. Stuhr begrüsste die Novellierung des EKD-Haushaltsgesetzes und hofft, dass sich die vielen Landeskirchen auch auf ein einheitliches Verfahren arrangieren können. Auch bei den Kirchen müsse sich ein Benchmarking-Konzept entwickeln, denn im kirchlichen Vergleich fehlt bisher der „Marktpreis“ in der Nutzen-Kosten-Aufstellung, der Vergleichsring innerhalb der EKvW könne nur einen Anfang darstellen. „Die EKD hat bereits Konzepte für die Doppik erstellt, nun kommt es darauf an, dass die einzelnen Landeskirchen das Rad nicht immer wieder neu erfinden wollen.“

Wie durch den Tagesablauf moderierte Peter Nowak, Geschäftsführer der interim2000 GmbH auch die abschließende Diskussionsrunde, wo sich auch wieder die Möglichkeit für einzelne Rückfragen bot. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Herrn Nowak bedanken, der es ermöglichte, dass ich als Student dem KVI Workshop beiwohnen durfte. Insgesamt hat mir diese Fachtagung viele neue Impulse und weiterführende Fragestellungen im punkto Kirchenrefom mitgegeben. Man darf sicherlich gespannt sein, wie sich nun die EKD-Novellierung umsetzen lässt. Eines zumindest dürfte klar sein, dass eine Umstellung im kirchlichen Finanzmanagement nur einer von vielen Steinen in die Zukunft ist, und so wusste Prof. Vogelbusch auch schon abzusehen: „Auf uns Wirtschaftsmenschen werden intensive Diskussionen zukommen, wenn wir mit den Theologen und Juristen ins Reine kommen wollen. In der Kirche ist mehr ökonomisches Denken nötig. Aber man muss die Zahlen auch mit den Nasen in Verbindung bringen können.“ Das lässt sich meines Erachtens nicht nur auf die Zuständigkeiten in den Fachressorts übertragen, sondern auch auf die Frage, ob die Kirche mit dem ihr anvertrauten Geld auch möglichst vielen Menschen Gutes tun kann. Mehr Transparenz für die synodalen Entscheidungsträger ist dabei mit Sicherheit ein guter „Beitrag“ in die richtige Richtung.

 

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